20.09.2018

Mountainbikerennen als Extremsport

Wenn beim Ultra Raid de la Meije 112 Kilometer mit 90 % Trailanteil zu bewältigen sind und wenn beim Dirndl Race im österreichischen Frankenfels 1900 Höhenmeter auf 40 Kilometern komprimiert werden, wird das Mountainbiken zum Extremsport. David Gerstmayer, der in Südfrankreich nach rund zehn Stunden Trailriding Dritter seiner Alterskategorie wurde und Martin Schätzl, der beim Dirndl Race trotz Bodenkontakt als Sieger bei den Hobbyfahrern die Ziellinie überquerte, haben ihre Erlebnisse bei diesen beiden Extremrennen sehr anschaulich erzählt. Hier ihre Berichte:

David Gerstmayer, 3. Platz Herren1 beim Ultra Raid de la Meije (112 km, 5000 hm):

„Das Paris-Roubaix des Mountainbikens! Die Hölle der Meije Gletscher oder einfach nur Ultra Raid de la Meije!  10 h Trailriding und -hiking zwischen 2000 und 3000 m ü.NN.!

Wenn Leiden auf Leidenschaft, das Klettern auf'm MTB auf's Klettern mit'm MTB trifft, du einen Rucksack mit Rettungsdecke und Erste-Hilfe-Set um 6 Uhr um deinen Rücken bindest, du um 7.30 Uhr in der Früh als Führender zum Col du Galibier auf 2500 m Höhe kommst, vom Rad steigst, um die letzten 200 hm mit dem Rad auf den Schultern im Nebel bei 5 °C zu bezwingen, du nach 40 km, 2500 hm und 4 h trotz Handschuhen Blasen an den Händen hast, den Lenker kaum halten kannst, dein Rücken seit km 10 schmerzt, du vom Start weg zehn Stunden lang keine Zeit hast, nur irgendetwas zu essen oder zu trinken, weil es die Trails nicht erlauben, einen Moment nur kurz unkonzentriert zu sein, dann kannst du nur bei einem Rennen sein, die Hölle der Alpen!

Ein Rennen, das man nicht in Worten wiedergeben kann. 10 h für 112 km, 5000 hm auf unzähligen Wanderwegen und Trails, sowohl bergauf als auch bergab. Jeder Berg wurde auf der Kuppe überquert und wer denkt, dass da jedes Mal ein breiter Weg hochführt, ist ein Träumer! 90 % Wanderweganteil heißt nichts anderes als 100 km Wanderwegspaß auf dem Hardtail. In meinem ganzen Leben habe ich bergauf noch nie so leiden, gehen, fahren, schieben, tragen, rennen müssen wie hier!

Diese hochalpinen, steilen, verblockten, felsigen Zickzack-Trails sieht man sonst in keinem anderen Rennen. Ein 10 km Trail auf 2000 m Höhe, so schmal wie dein Lenker, links neben dir geht‘s 300 tm hinunter und rechts neben dir eine langer Berghang, das war eines der Highlights. Hier wird dir kein Schotterweg geschenkt, du musst ihn dir erst verdienen. Den Asphalt habe ich nur ein einziges Mal gesehen und sonst nie wieder. Das war 2 km nach dem Start. Wer das überlebt, der beherrscht diesen Sport wie kein anderer! Das ist MOUNTAINBIKE!

3. AK, 12. GESAMT von 80 Durchgekommenen und von insgesamt 130 Startern. Übrigens auch der einzige Deutsche im Feld. Das war Sport vom Feinsten!"

     

 

Martin Schätzl, 1. Platz Gesamt Hobby bei der Dirndl Race MTB Trophy in Frankenfels:

„Doppelerfolg für die "boarischen Buam" im österreichischen Frankenfels! Das Saisonfinale der Ginner Trophy tagte in Frankenfels: das Dirndltal Race. 1.900 hm verteilt auf 40 km ließen vorahnen, dass das keine leichte Nummer wird.

Spontan und relativ entspannt erreichte ich zusammen mit Dennis die Austragungsstätte - auf zur Nachmeldung, kurz einrollen – ups, dann standen wir schon im Startbereich. Ganz hinten. Aufgrund einer Startrunde und der fehlenden Streckenkenntnis störte uns dies wenig. Außerdem hatte ich meine Saison Anfang August beendet.

Zum Rennen selbst: Ein paar bekannte Gesichter hatte ich mir rausgesucht, der erste Anstieg bot die Gelegenheit, zu denen aufzuschließen. Mal schaun was der Körper macht und der Kopf dazu sagt. Tiefe Atmung bei leichtem Tritt - ich war optimistisch. Am Ende des ersten Anstiegs konnte ich einen letzten Blick auf die Führungsgruppe erhaschen. Ich aktuell in Top 10 Position.

Der Ehrgeiz stieg. Ich setzte mich hinter meinen Vordermännern fest. Eine Wiesenabfahrt. Jeder wählte eine andere Linie, hektische Signale eines Streckenpostens. Ich versuchte derweil, auf dem Bike zu bleiben und kratzte gerade noch die Kurve zurück auf die Schotterpiste. Gegenanstieg. Die Jungs drosselten minimal vom hohen Startniveau runter. Vor der Labestation zog ich vorbei. Ungewiss: sollte ich weiter Druck machen?

 

Ja klar! Die selektive Strecke mit hohem Trailanteil machte Spaß und lag mir. Ein kleiner Verfahrer ließ die Kollegen wieder in Sichtweite kommen. Heftige Anstiege in den Waeldern folgten. Der teils aufgeweichte Waldboden erforderte Geschick und zudem Bums in den Beinen. Beides gelang mir ganz gut. Auch in den Abfahrten war ich stabil unterwegs. Zuschauerpunkte mit toller Anfeuerung, musikalisch unterstützt - meine Stimmung war super.

 

Nach der Streckenteilung war ich mir mittlerweile sicher, in der Top 5 zu fahren. Geil! Voller Euphorie und weil‘s halt einfach lief, entschied ich mich, die Nixenhöhle zu fahren. Eine steile Treppe, umsetzen, eine weitere Treppe und dann wurde es eng. Zu eng... Links die Felswand, rechts ein Stahlseil, unter mir schroffer Fels, auf mich zukommend ein Pfeiler.

 

Die Fahrspur und mein breiter Lenker brachten mich in die unglückliche Lage, unter das Stahlseil zu gelangen. Das Seil schnellte über meinen Handrücken, ich hing fest und das Übel nahm mit dem Pfeiler seinen Lauf. Katapultartig ging‘s für mich in Richtung Boden. Mit dem Gesicht voraus. Ich hatte null Chance zu reagieren. Was ihr bereits in mehr als 10 Sekunden erzählt bekommt, spielte sich gefühlt in einem Wimpernschlag ab.

 

Die Eierschale auf meinem Kopf zahlte sich so richtig aus und ich stand relativ schnell wieder auf den Beinen. Sehr wacklig versuchte ich, mich weiter fortzubewegen (zu Fuß). Später zurück aufs Bike. Jawohl, es funktionierte sogar noch. Ich rauschte an Sanitätern vorbei und erntete verdutzte Blicke.

 

Der Schlussanstieg stand bevor, der Schock ließ nach, der Schmerz kam. Nach und nach checkte ich, was noch alles heil und was lädiert war. Lippe, Zähne, Nase - alles gut. Gott sei Dank! Aber mein linkes Jochbein schmerzte, Blut im Augenwinkel, beide Handschuhe blutig, mhm… Der Anstieg wurde zur puren Qual. Total am Ende, und das Steile hörte nicht auf. Ein Blick zurück verriet, dass sich ein Hintermann näherte. Mit einem letzten Kraftakt schob ich mich über die Kuppe und begab mich in die Abfahrt. Einigermaßen langsam, denn die Konzentration war weg.

Nach 2h24min über die Ziellinie, ab ins Sanitäterzelt, Verletzungen checken. Glück im Unglück. Mit gesäuberten Wunden und Kühlbeutel empfing ich Dennis im Ziel. Geil! Gesamtplatz 3 und 19 bedeuteten 1 und 3 in unseren Altersklassen. Was für ein Rennen mit meinem 4island Buddy Dennis! :)“

 

   


  


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